In Lichtenberg gibt es Auseinandersetzungen und Nutzungskonflikte zwischen Ansprüchen von Gewerbe- und Ateliernutzern und der und zuständigen Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit, Birgit Monteiro (SPD). Mit einer strafbewehrten Nutzungsuntersagung für die Haubrok Foundation auf dem Grundstück der FAHRBEREITSCHAFT in der herzbergstraße 40-43 (10365 Berlin) hat dies einen traurigen Höhepunkt gefunden, der inzwischen weltweit insbesondere in der Kunstszene ind im Netzwerk der Creative Cities mit Unverständnis aufgenommen wird, in dem auch Berlin seit 2006 Mitglied ist.
Im Kern geht es um die baurechtliche Einhaltung der Baunutzungsverordnung (BauNVO) auf Gewerbe- und Industrieflächen. Die Sorge: Kunst, Ateliers und Kunstausstellungen verändern den Charakter von Gewerbe- und Industrieflächen, treiben Gewerbemieten und verdrängen mittelfristig Betriebe und Arbeitsplätze. Industriepolitische Paradigmen sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik spielen vermutlich eine hintergründige Rolle: Arbeiterschaft, gewerbliche Arbeitnehmer und die sogenannte „fleissige Mitte“ sollen als Kernklientel geschätzt werden.
Andererseits entstehen in der Berliner Kreativ- und Kulturwirtschaft auch viele wichtige Impulse für „Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit“, nur eben nicht direkt un unmittelbar in klassischen Industriebranchen. Doch schon im Kleingewerbe vermischen sich Kreativ- und Kulturwirtschaft mit Handwerk, Fahrzeuginstandsetzung und kleinen Manufakturen.
Leider ist hier die Berliner Wirtschaftsförderung ohne strategische Initiativen. KMU und Akteure sind weitgehend auf sich gestellt, während andere Städte wie Hamburg längst weiter sind (Projektvorstellung folgt demnächst).
Auf der anderen Seite stehen Interessen von Akteuren der Kreativwirtschaft, der Kunst und Kultur, die aufgrund ihrer Kreativität und Vielfalt auch wichtige Innovationen und designorientierte Produktion voran bringen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist auch wichtiger Impulsgeber für die Gesamtwirtschaft. Vor allem Unternehmenskunden bilden den Großteil des Kundenkreises von einzelnen Designern und Kreativen, sowie Betrieben der Kultur- und Kreativwirtschaft.
Leider hat die Wirtschaftsförderung keine Methodik, um etwa ein kollektives Ereignis wie eine Kunstausstellung im HB55, in der Fahrbereitschaft oder Kulturbotschaft als „wirtschaftsförderlich“ zu verstehen. Aber viele Wirtschaftsförderer in Creative Cities haben schon seit zwanzig Jahren verstanden, dass künstlerische und kreative Orte in Industriequartieren neue, emergente und kollektive Entwicklungen in Gang setzen, und auch gute Arbeit und produktive Arbeit schaffen.
Braucht Lichtenberg ein anderes Wirtschafts- und Gewerbeflächenkonzept?
Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist man schon einen Schritt weiter: hier wurde am 21.3.2018 die Erarbeitung eines Wirtschaftsflächenkonzepts für den Bezirk vom der BVV beschlossen. Ziel des Konzepts ist es, neben den bestehenden Konzepten für Wohnungsbau und soziale Infrastruktur auch Flächen für Gewerbe und Industrie zu ermitteln und zu sichern.
Damit wurde eine vorsichtige Korrektur der Stadtentwicklungspolitik vorgenommen, denn im laufenden Bauboom und aufgrund der Flächenkonkurrenz und Preisentwicklung werden auch Gewerberäume und Flächen knapp. Vor allem gibt es auch im Markt der Gewerbeflächen enorme Preissteigerungen, die viele Kleingewerbe, Freiberufler und vor allem Unternehmen der Kreativ- und Kulturwirtschaft, Dienstleister und Handwerk in Bedrängnis bringen.
Tempelhof-Schöneberg hat Stadtviertel wie Friedenau, mit über 17.090 Einwohnern pro km² und Stadtrandlagen wie Marienfelde, mit nur 3531 Einwohner/km² und bekommt den Spagat zwischen Förderung von Kreativ- und Kulturwirtschaft und produktionsorientierter Wirtschaftspolitik besser hin, als Lichtenberg.
Andererseits hat Lichtenberg am ehemaligen Industriegebiet an der Hertzbergstraße noch keinen tiefgreifenden Strukturwandel vorangetrieben, obwohl hier große Flächenreserven bestehen. Doch industriepolitische Initiativen gibt es nicht. Auch hat Lichtenberg bisher keinen strategischen Innovationscluster, wie etwa den Cleantech Park in Marzahn-Hellersdorf, oder den Campus Buch im Norden von Pankow.
Fehlt ein Leitbild für die künftige Wirtschafts-Förderpolitik?
Berlin steht unter Zuwanderungsdruck und Mietpreisdruck. Die bisherige funktionale Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe im Städtebau verhindert mögliche kreative und immobilienwirtschaftliche Lösungen. Die Attraktivität der Gründerzeitviertel Berlins, die sich über Jahrzehnte als „Berliner Mischung“ herausgebildet haben, liegt in dem engen Nebeneinander und Übereinander von Wohnen, Arbeit, Begegnungsräumen und tragfähigen individuellen Geschäftschancen.
Wohnhäuser mit Läden im Erdgeschoss beleben Wohnquartiere. Gewerbe und Handwerk in Gewerbehöfen sorgen für kurze Wege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz.
In Zeiten knapper Wohnungen und neuer Mobilität muß man Planungen beginnen, um Gewerbeflächen und am Rand flexible Gebäude zu errichten, die sowohl als Ateliers. Lofts, als Wohnung und Gewerbeetage nutzbar sind.
Auch eine „geschichtete Berliner Mischung“ mit sechs-Geschossen ist denkbar, mit Kultur, Handel, Gewerbe und Handwerk im Erdgeschoß und Sozialstation, Dachkita und Praxen im ersten Obergeschoß, Sozialwohnen in Obergeschossen und Penthouse auf dem Dach.
Der Bautypus ist in Schöneberg zu finden. Die markante rote Häuserzeile „Am Lokdepot 14“ der Architekten Architekten Nils Buschmann und Tom Friedrich von Robertneun zeigt eine Neuinterpretation der Berliner Gründerzeit-Architektur, die sehr anpassungsfähig und flexibel ist. Mehr Flexibilität bedeutet auch: in Gebieten mit Bestandsbauten lassen sich noch erhebliche „kreative Flächen-Reserven“ entdecken und wecken.
Kommt ein kultur- und kreativwirtschaftlicher Grundstücks-Deal in Lichtenberg?
Wenn es gelingt, auch kleinere Flächen als 3 Hektar neu für die Wirtschaftsförderung zu entdecken, können umgekehrt ganze 3 Hektar große Parzellen aus Gewerbegebieten herausgelöst als Misch- und Sondergebiete ausgewiesen werden. Das HB 55, die FHRBEREITSCHFT und die Kunstbotschaft sind drei mögliche Kandidaten.
Was fehlt: die übergreifende Idee! Wie sieht es mit Industrie 4.0 und Design aus? Wie können Manufaktur, Recycling und nachhaltige Produktion miteinander verbunden werden? Gibt es schon „Industrie 5.0“, die als durch Mensch-Roboter-Kollaboration zu charakterisieren ist? Fehlt vielleicht ein ganzer Innovationsbereich in der Gesamtberliner Innovations- und Cluster-Strategie? Warum gibt es in Berlin ein zwei Kunsthochschulen und mehrere private Designschulen, aber keinen Innovationspark für „Art & Industrie 5.0“?
Wieso nimmt Berlin an weltweiten Netzwerken von Creative Cities teil, und entwickelt in Berlin keine eigenen Konzepte weiter?
Sind die Bereiche Möbeldesign, Interior-Design und Industrie-Design etwa nicht attraktiv genug für eine Berliner Produktion? Immerhin sind ist Berlin einer der größten Absatzmärkte für Möbel, mit vielen großen Möbelhäusern der wichtigsten Branchenführer.
Werden Produktionsbedingungen mit robotergestützter Produktion mit Industrie 4.0. und „Art & Industrie 5.0“ völlig neue Chancen für gute Arbeit und lokale Wertschöpfung bieten?
Ob ein kultur- und kreativwirtschaftlicher Grundstücks-Deal in Lichtenberg zustande kommt, hängt nur an der Bezirkspolitik. Bezirksbürgermeister Michael Grunst scheint aufgeschlossen zu sein. Die Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit, Birgit Monteiro ist nicht nur in der Pflicht, Wirtschaft zu fördern, sondern auch zu entwickeln!
Autor: Dipl.-Ing. Michael Springer info@lichtenberg-nachrichten.de